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Weihrauch Max

Max Weihrauch

Max Weihrauch

1930 Landsberg am Lech – 2007 Greiling

 

1930            geboren in Landsberg am Lech; Jugendjahre in Prien am Chiemsee und Rosenheim

1946            erste Versuche in der Landschaftsmalerei als Autodidakt und wichtige Anregungen

                    durch Kontakte mit Malern im Chiemgau (u.a. die damals bereits hochbetagten

                    Albert Stagura und Ludwig v. Schlieben)

1950            Abitur in Rosenheim am heutigen Finsterwalder-Gymnasium

1951-1955   Kunststudium an der Akademie der Bildenden Künste München; Malerei bei Charles

                    Crodel (Nachfolger von Carl Caspar); Keramik bei Franz Eska; Schriftgestaltung bei

                    Eugen Julius Schmid; Kunstgeschichte bei Hans Sedlmayr

1952            Mitglied der Künstlergruppe „Die Frauenwörther“ und erstmals

                    Ausstellungsbeteiligung im Münchner Haus der Kunst (Sezession)

1955-1957   Pädagogische Ausbildung für den Beruf als Kunsterzieher

1956-1958   Sommeraufenthalte auf der Insel Ischia und Begegnungen mit dem Maler Werner

                    Gilles in Sant‘ Angelo

1957-1993   Lehrtätigkeit als Kunsterzieher am Gabriel-von-Seidl-Gymnasium in Bad Tölz. Bis zur

                    Pensionierung 1993 Unterrichtung von ca. 3500 Schülerinnen und Schülern. Neben

                    dem Hauptberuf ständige künstlerische Aktivitäten: Aufträge für Sgraffitoarbeiten

                    und Wandmalereien an privaten und öffentlichen Objekten (Bad Tölz, Jachenau,

                    Lenggries, Bad Heilbrunn, Reicherbeuern)

1966            40 Arbeiten in der Städtischen Galerie Rosenheim anlässlich einer

                    Gruppenausstellung mit Rolf Märkl und Fritz Scheuer.

1972-1976   Gastdozent für Kunst an der Hochschule für Sozialwissenschaften in Benediktbeuern;

                    dort Aufbau von künstlerischen Werkstätten

1993-2007   nur noch freischaffende Tätigkeit. Ständiger Wohnsitz in Greiling bei Bad Tölz.

2007            Max Weihrauch stirbt am 13. Oktober nach kurzer, schwerer Krankheit in seinem

                    Atelier in Greiling

 

 

Max Weihrauch

Autobiografische Notizen

 

Meine Anfänge als Maler

 

Jugendzeit am Chiemsee, Sommer 1946, ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg. Kaum 16-jährig beginne ich, mich autodidaktisch mit der Ölfarbenmalerei auseinanderzusetzen.

Auf der Suche nach idyllischen Winkeln durchstreife ich die Gegenden rings um den See. Dicht bewachsene Uferlandschaften, allesamt fast wie im Urzustand, ohne Wanderwege, das Schilfdickicht undurchdringlich. Kein Tourismus, kein Motorenlärm, große Stille überall. Der Chiemsee: schön wie am ersten Tag.

Mühsam mit einem alten Kahn einen Weg suchen durch das leuchtende Gelb des Schilfsaumes, nur ein zartes, schleifendes Geräusch der Halme an der Bootswand entlang und leises Glucksen beim Eintauchen der Ruder. Hinaus aufs offene Wasser, hinüber zur Krautinsel, dem Gemüsegarten der Benediktinerinnen von Frauenchiemsee, niemand sonst hat dort Zutritt, ganz heimlich riskiere ich es trotzdem schlechten Gewissens. Grüne und blaue Krautköpfe stehen auf dunklem Ackerboden, dazwischen wild wachsende Feldblumen in allen Farben. Reihen von silbergrauen Bohnenstangen, hoch aufragend in die diesige herbstliche Atmosphäre und lange Schatten werfend. Die zartsilbrigen Weiden dahinter lassen ein wenig die blaugraue Kulisse der Berge durchblicken. Das Eintauchen in die Stille und Geborgenheit dieser prächtigen Landschaft löst ein tiefes Gefühl von Glück aus, es ist, als wäre man im Garten Eden. Unwiederbringlich. Ich packe mein Malzeug aus… Heute ist die Krautinsel zum Ödland verwildert, die wenigen Nonnen bewirtschaften sie nicht mehr.

Bei dieser Vielfalt an visuellen Erscheinungen drängt sich das Vorbild der Maler von Barbizon auf, die beinahe hundert Jahre zuvor „paysage intime“ schufen, und man denkt an die Dachauer Künstler, die es ihnen nachmachten. Mühsam versucht man, aus Chromoxydgrün, Ocker, Kobaltblau und Deckweiß das geheimnisvolle Grau der Weidenbäume, die bleifarbene Luft darüber herauszumischen, die Spiegelungen im Wasser darzustellen. Mit den genannten Vorbildern im Nacken steht man als jünger Selbstlernling völlig allein gelassen und hilflos vor dem Motiv und beginnt, die Natur sklavisch abzumalen. Alle Versuche scheitern. Der Zufall führt den Sechzehnjährigen mit einem achtzigjährigen Maler, damals hochgeschätzt, in Gstadt lebend, zusammen: Albert Stagura. Das übermächtig erscheinende Vorbild prägt den jungen Anfänger, er lernt von ihm, wie man das Pleinair der Seelandschaft malerisch realisieren kann. Ein Jahr später ist der Alte verstorben, sein Nimbus heute so gut wie vergessen.

Viele Maler dieser vergessenen Generation lebten damals am Chiemsee. Ludwig von Schlieben in Gstadt war ein Meister der tonigen Ölfarbenpalette. Er malte täglich an mehreren Standorten vor dem Motiv. Er konnte wie die Impressionisten sehr schnell arbeiten. Die gründliche und sichere Technik des Umgangs mit der Ölfarbe als Voraussetzung für Professionalität konnte er wie kein andere vermitteln.

Ich werde Mitglied der legendären Künstlergemeinschaft „Die Frauenwörther“ und bin mit großem Abstand der Jüngste unter ihnen. Daß sie mich dennoch ernst nehmen, erfüllt mich mit großem Stolz. Skell, von Welden, Kriesch, Groeschel, Pfau, Müller-Wischin, Gerhardinger, Demmel, Müller-Schnuttenbach, Müller-Diflo, wer kennt sie noch? Unser Ausstellungsraum war die karolingische Kapelle über der Torhalle auf der Fraueninsel. Die Gruppe löste sich 1966 selbst auf, weil das Landesamt für Denkmalschutz eine langwierige Restaurierung vornahm.

Durch zahlreiche neue Malerfreundschaften sammelt man eine Menge neuer Erfahrungen. Die Arbeit vor dem Motiv geht sehr viel leichter von der Hand, die Bilder entstehen jetzt meist in kurzer Zeit, Naß in Naß (alla prima) malend, bei jedem Wetter, selbst in der Kälte des Winters.

Alle diese Ereignisse und Erfahrungen vollziehen sich Ende der vierziger und Anfang fünfziger Jahre weitab vom großstädtischen Kunstbetrieb, wo man sich schon für den Aufbruch zur modernen Kunst bereit macht. Doch davon hat man in der Abgeschiedenheit des Chiemsees wenig Notiz genommen. Erstens ließ die Begeisterung für die Schönheit der Landschaft wenig Raum für andere künstlerische Intentionen; das Neue ereignet sich meist in den Ateliers der Großstädte. Zweitens wurde die Verbindung zu den Kunstmetropolen schon deshalb sehr erschwert, weil es die Kommunikationsmöglichkeiten unserer Tage damals bei weitem noch nicht gab. Bücher, Kataloge, Zeitschriften waren eine Seltenheit, überhaupt kein Fernsehen, nur ganz wenige Autos. Ein Telefon hatten nur Postämter, Verkehrsbüros und Ärzte. Die nächste Eisenbahnstation war weit weg, wir waren Fußgänger und Radfahrer.

 

Studienjahre an der Akademie

 

1951-1955. Die Aufnahmeprüfung an der Münchner Akademie der Bildenden Künste, eine gewaltige Hürde für einen, der aus der Chiemgauer Nachkriegs-Kunstszene kommt. Durch die langjährige Abschottung von jeglichem internationalen Kunstgeschehen während der Hitlerzeit empfingen wir keinerlei Impulse von außen her. Wir befanden uns auf einer Entwicklungsstufe, deren Hauptvertreter Courbet, Daubigny, Leibl oder Trübner waren. Von der „Brücke“ oder vom „Blauen Reiter“ hatten wir noch nichts gehört. Der Aufbruch zur Moderne setzte bei uns erst ein halbes Jahrhundert später ein! Durch den mit großer Anstrengung erworben Studienplatz kam es wiederum zu einer für mich schicksalhaften Begegnung.

Von Giebichenstein kommend übernahm der hochgebildete und feinsinnige Lehrer Charles Crodel den verwaisten Lehrstuhl Carl Caspars. Er schaute meine Arbeiten an und schätzte an ihnen mein „Gespür für Ölfarbe“ (so drückte er sich aus), und ließ mir fortan seine ganz besondere Förderung angedeihen. Crodel konnte sich angesichts scheinbarer Banalitäten heftig erregen und diese Erregung auf seine Schüler übertragen. Er lehrte uns zu erkennen, daß es oftmals die ganz einfachen Dinge des Lebens sind, die in der Kunst zu Mythen hochstilisiert wurden. Dies hat er uns auf gemeinsamen Studienreisen oftmals vor Augen geführt, und wir erhielten durch die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit eine künstlerische Grundhaltung vermittelt, um die wir oft beneidet wurden. Durch den Studienaufenthalt in der Großstadt kam es erstmals zu Begegnungen mit den Großen den vormals „Entarteten“ Kokoschka, Klee, Beckmann, van Gogh, Cezanne, Picasso, Braque, Matisse. Alles bisher Gelernte erachteten wir nunmehr als mehr oder weniger wertlos: die tonige Palette, die Perspektive, die Licht-Schatten-Modellierung. Das war am Beginn der fünfziger Jahre. Wir erkannten, daß es eine Fülle andere Klänge und Harmonien gibt. Die uns bisher vorenthalten worden waren.

Zusammen mit unserem Akademieprofessor Crodel reisten wir in die Toskana, in die Provence, nach Burgund und Paris. Um die vielen und meist sehr kurz dauernden Reiseeindrücke bildnerisch festhalten zu können, arbeiteten wir mit Wasserfarben. Ich entdeckte für mich die Aquarellmalerei, die ich von nun an bei vielen Aufenthalten in den Mittelmeerländern weiter kultivierte.

Emil Nolde hatte in seinen Aquarellen bereits höchste künstlerische Vollendung erreicht. Als wir bei Günther Franke die Landschaftsaquarelle des Malers Werner Gilles sahen, erkannten wir nun ganz andere Möglichkeiten in diesem Metier. Gilles lebte den Sommer über in Sant‘ Angelo auf der Insel Ischia. Gleich nach dem Akademieabschluß reiste ich mit der Eisenbahn dorthin, mit ganz wenig Geld in der Tasche. Noch am Ankunftstag machte mich der Dorfschullehrer Professore Jacono mit dem damals sechzigjährigen Werner Gilles bekannt. Dieser pflegte täglich ein gründliches Naturstudium mit dem Ziel, die Topografie der Landschaft schrittweise zu abstrahieren, vom Abbild zum Bild gelangend. Dabei setzte er in seinen Landschaften anstelle der Topografie bildnerische Strukturen, deren Bedeutungsgehalt er durch Bild-Zeichen Ausdruck verlieh. Das war die Brücke, über die er vom Bauhaus her, wo er bei Feininger studierte, neue Impulse in die Landschaftsmalerei der fünfziger Jahre einbrachte. Bei uns jungen Malern provozierte er durch seine Bilder ganz neue Seherlebnisse.

Zuhause zeigte ich meine aus Ischia mitgebrachten Aquarelle in der Städtischen Galerie Rosenheim und im Münchner Haus der Kunst als Gast der Sezession. Letztere Möglichkeit verdankte ich dem unvergessenen Hermann Euler.

 

Sommer

Sommer

Öl auf Leinwand ⋅ 80 x 40 cm

Rote Klamm

Rote Klamm ⋅ 2002

Acryl, Öl auf Leinwand ⋅ 100 x 95 cm

Uferlandschaft in Alt-Osternach (Chiemsee)

Uferlandschaft in Alt-Osternach (Chiemsee) ⋅ 1948

Öl auf Karton ⋅ 40 x 50 cm

An der Prien

An der Prien ⋅ 1949

Öl auf Karton ⋅ 35 x 25 cm

Welkender Sommerstrauß

Welkender Sommerstrauß

Öl auf Rupfen ⋅ 115 x 80 cm